Interview: Raised Fist

Hallo und vielen Dank, dass du dir Zeit für uns nimmst.

Kein Problem. Ich muss euch nur gleich sagen, dass ich nicht der Sänger bin und keine Texte schreibe. (lacht)

Alles klar, kein Problem! (lachen) Wir werden dir darüber keine Fragen stellen. OK, stell dich bitte kurz den Lesern vor und erzähl uns was deine Aufgabe bei Raised Fist ist.

Ich bin der Bassist. Ich heiße Andreas, aber mein Spitzname ist „Josse“.

Wie läuft die derzeitige Tour mit „Deez Nuts“ und „Endwell“? Kanntest du die Bands zuvor?

Ich kannte sie nicht gut, aber ich habe sie mir angehört und ich mochte beide wirklich gerne. Es schien eine vielversprechende Tour zu sein, eine amerikanische, eine australische sowie eine schwedische Band. Ein super Mix. Außerdem hörte ich von vielen anderen Leuten, dass die Bandmitglieder der beiden Bands wirklich nette Leute sind. Demnach hörte es sich nach einer guten Wahl an, mit ihnen auf Tour zu gehen. Und die Tour läuft super. Wir haben viel Spaß! Viele Leute besuchen unsere Shows. Perfekt!

Wie ist es für dich in Deutschland zu touren. Ist es vergleichbar mit anderen Ländern oder gibt es Unterschiede?

Wenn wir in Europa auf Tour sind, fahren wir mit Nachtbussen durchs Land anstatt zwischen den Shows zum nächsten Ort zu fliegen. In Schweden machen wir vielleicht vier Shows in den größeren Städten. Hier nehmen wir auch das Flugzeug und keine Busse. Das macht es einfacher und ich denke, dass ist ein großer Unterschied hier in Deutschland. Aber ich bevorzuge es mit dem Nachtbus zu fahren, da du nie früh aufstehen musst. Der Busfahrer fährt während du schläfst und wenn du dann aufwachst bist du in der nächsten Stadt. Das ist wirklich viel angenehmer. Anders musst du früh aufstehen, musst zum Flughafen, ab in den Flieger und wieder raus. Dann ist man fertig. In Australien mussten wir aufgrund der großen Distanz zwischen den Städten immer fliegen. Erst 25 Stunden fliegen, um nach Australien zu kommen…eine Show spielen und danach zum nächsten Flughafen….Show und Flughafen….Show und Flughafen…und schließlich ist dein kompletter Tagesrhythmus gestört.

Wart ihr zum ersten Mal in Australien?

Das zweite Mal.

Und wie ist das Publikum bei den Shows hier auf Tour?

Oh, sehr gut. War es schon immer. Es kommt aber immer darauf an, wo man spielt. Es sind immer viele andere Bands auf Tour und man weiß nie, wie viele Leute zu einer Show kommen. Man ist eben nicht allein auf dem Markt. Aber ich denke, es läuft gut und wir haben genug Leute. Das ist sehr gut und wir lieben es.

Beschreib jetzt mal bitte eine Raised Fist Live Show für Leute, die euch noch nicht gesehen haben. Was kann man als Gast erwarten?

Ich denke die Shows sind sehr intensiv. Eigentlich versuchen wir ruhig zu bleiben, aber das ist dann doch nicht möglich (lacht). Es kann manchmal schon sehr wild werden. Zum Beispiel schlug ich meinen Bass mal gegen Ales Kopf und er blutete. Dasselbe passierte mir auch schon an meinem Kopf. „Shit happens!“, es ist fast immer irgendwas. Aber es ist intensiv, es ist hart und es ist real. Es ist kein Posing um cool zu sein, sondern einfach pure Energie. Es ist das was wir lieben, was wir machen und warum wir es machen.

Also ist das der Part, der dir am besten an deinem Job gefällt.

Ja, auf jeden Fall! Songs zu schreiben fängt an immer mehr Spaß zu machen. Aber ich denke wir lieben es am meisten eine gute Stunde auf der Bühne zu stehen.

OK. Wie beurteilst du den Verlauf bezüglich der musikalischen Entwicklung von Raised Fist?

Ich denke der Verlauf ist sehr positiv. Im letzten Interview wurde ich gefragt, ob wir uns für etwas schämen, was wir in der Vergangenheit gemacht haben. Zum Beispiel in den Anfängen von Raised Fist, aber ich sagte „nein“. Was wir zu dem Zeitpunkt gemacht haben, war das was wir wollten. Nun wird es immer mehr… wir wachsen, wir sehen Dinge und leben unser Leben. Dies alles passiert von selbst und ich meine es ist bisher ein guter Verlauf vom Anfang bis hierhin gewesen. Ich denke nicht, dass wir diesen Prozess jetzt beenden. Wir versuchen einfach immer weiter voranzuschreiten. Wir werden sehen. Es ist niemals vorteilhaft immer wieder dieselbe CD zu produzieren. Deswegen versuchen wir das Ganze auch so interessant wie möglich für uns zu gestalten. Wenn das Resultat überzeugt und rund klingt dann sind wir zufrieden und hoffen, dass es anderen auch gefallen wird. Aber dass ist nicht der Hauptgrund, warum wir dies tun. Zunächst tun wir es für uns selbst. Jedoch wäre es auch irgendwie langweilig, wenn kein anderer es hören wollen würde. (lacht)

Denkst du, dass die Fans älterer Alben „Veil of Ignorance“ mögen werden

Das hoffe ich doch sehr! Ich weiß es nicht, aber hoffe es. Wir haben immer noch dieselbe Power und Aggression sowie Geschwindigkeit in unserer Musik. Auch wenn wir manchmal ein bisschen ruhiger und melodischer sind, besteht immer noch dieses wirklich intensive Feeling. Das kann man auch am Gesang und an den Texten sehen. Es sind jetzt nicht irgendwelche Liebesgeschichten oder so, es sind einfach reale Dinge. Ich denke nicht, dass wenn man dem Album eine Chance gibt man gleich schlecht darüber denkt. OK, manche Leute werden es wohl schon denken, so wie diese z.B. (imitiert schnelles Drumming auf seinen Oberschenkeln)… Die wollen immer nur das Eine und wenn es nicht so klingt, dann ist einfach alles Scheiße was nicht schnell nach vorne geht. Aber darüber mache ich mir nicht viele Gedanken. Wie gesagt, in erster Linie machen wir die Musik für uns selbst, aber kommt einfach mit uns und habt Spaß daran.

Was ist die Bedeutung hinter dem Titel des neuen Albums „Veil of Ignorance“

Es ist eine Theorie eines Typen namens John Rawls. Es handelt von der perfekten Gesellschaft. Nach dieser Theorie kann man eine beliebige Position in der Gesellschaft einnehmen und man ist vollkommen damit zufrieden. Man denkt nicht, dass etwas an dem Zustand geändert werden muss. Der Zustand wird als perfekt empfunden.
Dabei ist es egal, ob du eine Reinigungskraft oder ein Chirurg bist. Du weißt schon bevor du eine Rolle in der Gesellschaft einnimmst, dass du damit zufrieden sein wirst. Das nennt Rawls die „Veil of Ignorance“. Wenn ihr mehr wissen wollt, müsst ihr euch mal damit beschäftigen. Es ist ein guter Denkansatz, obwohl es wohl nie erreicht werden kann. Aber es ist ein gutes Ziel.

Alles klar. Kannst du uns eine kurze Einsicht in euren Aufnahmeprozess geben?

Es kommt natürlich immer darauf an, mit welcher Motivation man bei der Sache ist. Wir versuchen nie ein Album zu forcieren. Ideen für neues Material müssen einfach da sein. Dann bringen wir die Ideen aller Bandmitglieder zusammen und versuchen das Beste draus zu machen. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich jeden Ton unterkriege, den ich spielen möchte. Wenn keiner meine Idee mag, dann lassen wir es eben. Es macht keinen Sinn, innerhalb der Band um einzelne Ideen zu kämpfen. In der Regel machen wir dann eine Vorproduktion. Wir haben einige Leute, die für die Programmierung zuständig sind. Dann vervollständigen wir die Songs und gehen ins Studio, um das Drumming aufzunehmen. Danach kommen Bass und Gesang. Wir versuchen dies in einem nicht zu großem Zeitraum zu machen, sondern innerhalb von eineinhalb Monaten.

Habt ihr noch andere Songs aufgenommen, die nicht aufs Album kamen

Dieses Mal haben wir 15 Songs aufgenommen und nur einer kam nicht aufs Album. Der Song ist eigentlich fertig, es fehlt nur der Gesang. Uns fehlte aber die Zeit ihn fertigzustellen, da das Studio schon für die nächste Band gebucht wurde.

Du bist jetzt schon seit Beginn bei Raised Fist dabei. Hast du irgendwelche Änderungen in der Hardcore-Szene bemerkt, welche du magst oder eher nie hättest sehen wollen?

Nein, ich denke nicht. Es ist ganz natürlich, dass sich alles mit der Zeit verändert. Nichts läuft genauso wie vor zehn Jahren. Ich denke das ist überall so. Ich bin auch nicht derselbe, der ich 15 Jahre zuvor war. Meiner Meinung nach muss man einfach mit der Zeit und den Veränderungen gehen und sich darauf einstellen. Allerdings werde ich nicht mitgehen, wenn sich auf einmal alles so extrem verändert, dass es mir keinen Spaß mehr macht. Für mich ist es also eine ganz normale Entwicklung. In Zeiten bevor ich geboren wurde, war zum Beispiel Rockmusik etwas Böses und heutzutage ist es Popmusik. So gesehen wird es nie ohne Veränderung gehen.

Was denkst du setzt Raised Fist von anderen Hardcore-Bands ab?

Ich denke, dass wir immer noch hier sind. Wir tun das, was uns für richtig erscheint ohne dass wir uns nach anderen richten. Also gehen wir strikt in eine Richtung. Manchmal verliert man auch Fans. Das ist schade! Man kann es aber auch nicht jedem recht machen, das wird nie passieren.

Denkst du, dass dies auch ein Grund eures Erfolges ist?

Oh ja, ich denke schon. Wir übertreiben es eben auch nicht, sondern gehen dann anstatt für sechs Wochen lieber zwei Wochen touren und versuchen es in einem Rahmen zu halten, in dem wir viel Spaß haben. Es gibt so viele Bands, die ewig touren und es selbst eigentlich gar nicht wollen. Wir touren hauptsächlich auch nicht, um damit Geld zu verdienen. Andere Bands sehen das anders. Wenn wir nicht auf Tour gehen wollen, dann tun wir es eben nicht. Es ist nicht so, dass wir uns denken: „Oh, wir müssen touren, dann können wir uns wieder was zu essen kaufen.“ Zum Glück können wir es einfach tun, weil es uns Spaß macht.

Hast du noch einen Job außerhalb der Band?

Nein. Die Band ist kein Fulltime-Job, aber ich habe auch keinen herkömmlichen Job. In meiner Heimatstadt habe ich einen Rockclub, in dem ich einmal monatlich meine Lieblings-CD´s auflege und ein paar Bier trinke. Das ist ziemlich cool. Außerdem treten auch Bands in dem Laden auf und ich organisiere hin und wieder ein paar Shows.

Gab es ein wirklich verrücktes Erlebnis, das du beim touren erlebt hast, an das du dich noch erinnerst?

Mmh… Oh ja, natürlich! Aber das ist etwas, dass ich wahrscheinlich nicht erzählen kann. (lacht) Es passiert dauernd ´ne Menge Scheiß. Aber ich denke nicht, dass wir je irgendwas wirklich Krankes getan haben. Aber wenn einem langweilig ist, macht man schon Mist. (lacht) Aber ich denke mal, dass ist normal. Nichts Außergewöhnliches.

Was ist das Erste das du tust, wenn du nach Hause kommst?

Ich weiß es nicht wirklich. Ich habe zwei Kinder, die will ich als erstes sehen! Danach erhole ich mich von der Tour.

Gibt es noch etwas Bestimmtes, das du den Lesern mitteilen möchtest?

Oh, ich weiß nicht… Geht einfach zu den Liveshows eurer Lieblingsbands und unterstützt sie. Das ist ne gute Sache. Ladet euch jeden Song runter, den ihr mögt, aber geht zu den Shows! Auf der Bühne ist man wirklich dankbar darüber und es ist wichtig, um mit der Menge Spaß zu haben und die nötige Energie zu erzeugen. Ich denke, dass ist eine gute Sache. Du bekommst die Musik umsonst, gibst aber auch etwas dafür zurück. Mögt einfach die Musik und habt Spaß mit uns!

Das werden wir. Vielen Dank für das Gespräch.

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