Kiss – Sonic Boom

Es stellt sich natürlich die Frage, ob es überhaupt notwendig ist, über ein neues KISS-Release zu schreiben; geschweige denn, ob dieses überhaupt im 21. Jh. noch angebracht ist. Die Antwort ist natürlich „Nein!“ Doch das juckt ohnehin niemanden, denn KISS sind über jeden Zweifel erhaben und das ist auch gut so.

Eine Rezension zu einem neuen KISS-Album in heutiger Zeit muss anders funktionieren als eines über eine Newcomer-Band, denn Paul „The Starchild“ Stanley, Gene „The Demon“ Simmons sowie Mitstreiter Eric Singer und Tommy Thayer, die unlängst die Plätze der Gründungsmitglieder Ace „The Spaceman“ Frehley und Peter „The Cat“ Criss eingenommen haben, müssen der Welt nach über 80 Millionen Platten nichts mehr beweisen. Das war in den 1980er Jahren anders. KISS, groß geworden in den Siebzigern, spürten den Druck aufstrebender Gruppen aus der amerikanischen Hard- und Glamrock-Szene, etwa BON JOVI, MÖTLEY CRÜE und GUNS´N´ROSES. Die Hallen wurden kleiner, die Plattenverkäufe gingen zurück, doch sie haben diese schwere Zeit überstanden und sich einen Platz unter den größten Rockbands, die es jemals gegeben hat und vermutlich auch geben wird, hart erarbeitet. Dazu beigetragen hat sicherlich auch ihr Markenzeichen: war die Maskerade anfänglich in den 1970ern für das prüde Amerika eine Schocknummer (OK, ALICE COOPER schockte mehr), so gehört die Schminke nach kurzer Unterbrechung heutzutage wieder fest zum großen Showprogramm von KISS. Also Kinders, aufgepasst: ohne KISS kein SLIPKNOT.

Doch all das ist Geschichte. Das Bemerkenswerte ist, dass eine Band wie KISS sich nicht einfach zur Ruhe setzt, sich auf den Lorbeeren ausruht und belustigt Cover-Bands betrachtet, die auf dem letzten Dorffest in Kleinkleckersdorf „Strutter“, „Calling Dr. Love“, „Shout it out loud“ und „I was made for loving you“ von sich geben. Nein, das Tolle ist, dass das Quartett sich hinsetzt und neue Songs schreibt. Und das Ganze aus einer Laune heraus sogar in sehr kurzer Zeit, denn die Idee, aus der später mit „Sonic Boom“ das 19. Studioalbum entspringen sollte, kam den Herren auf der Südamerikatour im April 2009!!!

Herausgekommen sind 11 Stücke im typischen KISS-Stil: melodisch, hymnisch, rockig. Wer hier etwas Anderes erwartet hat, wird mit gutem Grund enttäuscht, denn KISS sollen doch bitte auch 35 Jahre nach ihrem Debüt noch sie selbst bleiben. Schon der Opener „Modern Day Delilah“ ist entgegen des Namens ein gelungener konservativer Rocker, die folgenden Hymnen „Russian Roulette“ sowie „Never Enough“ bestätigen den ersten positiven Eindruck und danach ist sowieso alles egal, bis das grandiose „Say Yeah“ noch einmal zum großen Finale einsetzt und „Sonic Boom“ in Würde beendet.

KISS tun gut daran, hier nicht auf der Suche nach der Moderne verloren zu gehen, sondern altbekannte Wege zu beschreiten. So etwas nennt man Authentizität. Und als totale Absage an das 21. Jh. kann in Erinnerung an altes Liedgut von LED ZEPPELIN, THE WHO, ROLLING STONES, BEATLES der Umstand bewertet werden, dass man die Aufnahme auf 2´´ Analogbändern und mit so wenig Takes wie nötig bewerkstelligt hat. Das ist fast schon Punk. Neben der normalen Ausgabe gibt es übrigens auch eine Deluxe-Version, die neben dem neunen Album eine komplette Best-of- und eine Live-CD beinhaltet. Aber warum bitte schön nicht auf Vinyl?? Wenn schon tolle alte Aufnahme, dann bitte auch tolles altes Medium!

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