Crime In Stereo – I was trying to describe you to someone

Die Zeit ist schnelllebiger geworden. In der Informationsaufnahme und Weitergabe. Im Warenverkehr. In der Finanzwelt. Globalisierung nennt man das wohl. In dieser Zeit haben wir einiges erlebt. Hinter uns gelassen. Neu entdeckt. Geprüft. Verworfen. Gezweifelt. Synthesen gebildet. Hermeneutik nennt man das wohl. Und in all dieser Zeit des Reifens habe ich über die Jahre etwas verloren: Das Gefühl, sich auf etwas richtig zu freuen und diesen Moment der Glückseligkeit dann festzuhalten; vielleicht so, wie ein kleines Kind sich auf Weihnachten freut und dann die Zeit stehen zu bleiben scheint, wenn es zum ersten Mal den geschmückten Baum im Kerzenschein sieht. Ein Moment der unschuldigen Ewigkeit.

In meiner Musikrezeption macht sich diese Schnelligkeit bemerkbar und ich erkenne meine Schuld. Die Zeiten, in denen ein Album auf Tape gezogen so lange in meinem Walkman und später in meinem Autoradio rotierte, bis ein Bandsalat dem Genuss ein Ende setzte, sind vorbei. Zu schnell wird einem etwas Neues aufgedrängt. Durch Musikmagazine. Durch das Internet. Das Bedürfnis nach ständig neuer musikalischer Nahrung ist zur Abhängigkeit geworden, die Beschaffungsmöglichkeiten bequem, ja industrialisiert. Ich brauche keine Freunde zum Tauschen mehr. Ich bekomme alles, was ich will – und tausende neue Angebote oben drauf. Doch die Sucht besteht in der Beschaffung, nicht in der Aufnahme. Die versprochene Droge wird zum Placebo.

Auf das neue Album von CRIME IN STEREO habe ich mich gefreut, wie ich mich schon lange auf kein Album mehr gefreut habe, so sehr hatte mich einst der Vorgänger „…is dead“ in seinen Bann gezogen; dieses Werk des Post-Hardcore mit seinen kleinen Melodien, seinen technischen Spielereien, seinen intelligent aufgebauten und sich langsam steigernden Songs. Der kurz danach erworbene Backkatalog (Sucht, siehe oben) offenbarte dann jedoch schnell, dass CRIME IN STEREO eine rasante Entwicklung durchgemacht hatten, denn schon auf „is dead“ war vom Hardcore-Punk eines „Explosives and the will to use them“ oder eines „The troubled Stateside“ nichts mehr übrig geblieben. Damals ahnte ich nicht, dass die Band um Alex Dunne ihre Metamorphose noch nicht abgeschlossen hatte und „is dead“ lediglich ein Zwischenstadium war. Nun also drei Jahre später die nächste Phase „I was trying to describe you to someone“.

Und genau das fällt mir äußerst schwer. Ich kann die LP nicht beschreiben. Das Gesendete wird zwar empfangen, kann aber nicht entkodiert werden. Rauschen. Nahezu ist alles so, wie es die Vorfreude verheißen hat: der Klang der Gitarren, die Melodik der Stimme, die behutsamen Arrangements, die computertechnischen Untermalungen. Doch zu einem Gesamtwerk zusammengesetzt bekomme ich das nicht. Jedenfalls noch nicht. Die Single „Not dead“ ist die Brücke zum Vorgängeralbum, die den Hörer rettet, aber gleichermaßen – man beachte den Titel – darüber aufklärt, dass die Brücke danach abgebrochen wird.

Allein stehe ich nun vor der Aufgabe, die restlichen zehn Stücke zu verstehen. Angst macht sich breit, ich würde wie einst mit THRICE eine weitere Band im Strudel der selbst auferlegten musikalischen Evolution verlieren (Vgl. das Review zur aktuellen STORY OF THE YEAR). Nach deren Album „Vheissu“ hatten sich einst unsere Wege getrennt und ich klammere mich seither an die Emotionen, die „Artist in the Ambulance“ bei mir ausgelöst hatten. Doch dieses schmerzende Gefühl des Verlassen-seins, des Zurückgesetzt-werdens wollte ich nicht erneut erleben. Ich wollte kämpfen. Erst tapsig, dann aber langsam sicherer stellte ich mich dem Erklärungsversuch von CRIME IN STEREO. Und langsam, aber wirklich ganz langsam scheine ich zu verstehen, was sie mir sagen wollen, wie wichtig dieses ist, wie bedeutend und aussagekräftig.

Das, was ich bisher für mich verstanden habe, gebe ich nun weiter: CRIME IN STEREO ist zur Zeit die wichtigste Band für anspruchsvollen Post-Hardcore und ihr aktuelles Album wird eines der wichtigsten Alben dieses Jahres werden.

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