Misconduct – One step closer

„Der schwedische Melo-Punk ist nicht tot, er hat nur ´ne Weile etwas komisch gerochen. Das ändert sich jetzt durch das neue Werk von MISCONDUCT.“ Selten hat eine solche Einleitung eines Begleitschreibens bei mir für Freude und Verwirrung gleichermaßen gesorgt. Zum einen Freude darüber, dass sich in diesem Genre wieder etwas zu bewegen scheint – man denke nur an das Comeback von NO FUN AT ALL –, zum anderen Verwirrung deshalb, weil mir der Name MISCONDUCT zwar irgendwie bekannt vorkommt, jedoch nicht gerade positive Assoziationen hervorruft.

Die im Nachhinein als gloreich verklärten 90er des Punk. Unweigerlich mit bestimmten Labeln verbunden. Epitaph und Fat Wreck Chords dort, Burning Heart und Bad Taste hier. Also ab zum Regal, die alten Label-Sampler nach jugendlichen Beiträgen von MISCONDUCT durchforsten. 1997 veröffentlichten MISCONDUCT ihr erstes Release auf Bad Taste, doch wie die Höreindrücke in die Sampler-Reihe „This is Bad Taste 1-4“ offenbaren, hatte ihr damaliger Stil wenig mit dem zu tun, was die Herren um Fredrik Olsson heute aus den Boxen jagen: zusammen mit Bands wie 59 TIMES THE PAIN, BREACH und RAISED FIST gehörten sie der Old-School-Hardcore-Fraktion an, der melodische Vertreter wie MILLENCOLIN, oben bereits erwähnte NFAA und die leider nicht mehr existenten SATANIC SURFERS gegenüber standen. Und das ist auch der Grund meiner anfänglichen Verwirrung, denn die Band zeigt sich mittlerweile personell wie musikalisch wie ausgewechselt.

Nach einem an LINKIN PARK erinnernden Intro beginnt die Video-Single „Closer“ mit einem dieser typischen, tausendmal gehörten, aber immer wieder für schön befundenen Punk-Lickings, eine zweite Gitarre setzt gezielte Breaks dazwischen, das Ganze nimmt dann im zweiten Durchlauf an Fahrt auf, der Gesang setzt ein…und…stop…was ist das denn?…das geht doch gar nicht…habe ich irgendetwas nicht mitbekommmen?
Mein lieber Scholli, wüsste man nicht, dass Jim Lindberg PENNYWISE verlassen hat, man könnte meinen, die Jungs aus Hermosa Beach würden hier ihre neue Platte vorstellen, so sehr klingen Gitarren, Stimme und Melodieführung an das kalifornische Schwergewicht.

Im Soundgewand des 21. Jahrhunderts nehmen uns MISCONDUCT mit auf eine Reise in die längst untergegangen geglaubte Welt des Melody-Core und vermischen dabei geschickt schnelle Nummern wie „Closer“, „Family“ und „Won´t Forget“ mit Midtempo-Hymnen Marke „Naya“ und „Salvation Genneration“, um mit einer wahren Pop-Perle wie „Side By Side Pt. 2“ zu schließen.
Lange haben diese vertrauten Melodien mit den obligatorischen Ohs und Ahs in den Refrains nicht mehr so schön und erfrischend geklungen wie auf „One Step Closer“ von MISCONDUCT. Großartige Punk-Scheibe für den Sommer.

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