One Win Choice – Conveyor

Ist das noch Punk, oder kann das weg? Die Frage nach der Gradwanderung zwischen Szenetauglichkeit und kommerziellem Ausverkauf wird beim neuen Album von RISE AGAINST unweigerlich auftauchen. Ein Opener wie „Architects“ weckt in den ersten Takten Hoffnungen, die Single „Help Is On The Way“ oder der von vielen hochgelobte Song „Satellite“ zeigen aber auch, dass trotz aller lyrischer Punk-Attitüde fast nur noch Rockmusik übrig geblieben ist, die sich in süßen Chören ergötzt, die vorwärts strebende Energie der Frühwerke „The Unraveling“ und „Revolutions per Minute“ allerdings vermissen lässt. Da hilft auch nichts, dass Bill Stevenson (BLACK FLAG, DESCENDENTS, ALL) und Jason Livermore im Blasting Room alles schön aufgenommen haben und Chad Price (ALL) Tim McIllrath in den Refrains unter die sonst doch eher dünnen Stimmbändchen greift. Zu allem Ungemach wurde „Endgame“ von der VISIONS zum Album des Monats gekürt – für einen Punk-Liebhaber wie mich nicht gerade ein gutes Zeichen, zudem man das mit den letzten beiden Scheiben von GREEN DAY auch getan hat. Jedoch muss man beim ganzen Naserümpfen zugestehen, dass RISE AGAINST nichtsdestoweniger ein hörenswertes Stück Musik aufgenommen haben, wenn man sich von der Kategorie löst, das Quartett aus Chicago spiele noch Hardcore-Punk.

Wer sich in dieser Sparte zu Hause fühlt, wird unendlich dankbar für STRIKE ANYWHEREs „Iron Front“ auf Bridge Nine gewesen sein. Darüber hinaus ist er vielleicht auf LANDMINES (Paper + Plastick / Gunner Records) aufmerksam geworden, oder aber auf AFTER THE FALL (Jumpstart / Asscard Records). Und genau diese letzte Label-Koalition veröffentlicht nun mit „Conveyor“ von ONE WIN CHOICE ein Album, das sich all die Nörgler anhören sollten, welche mit der neuen RISE AGAINST ihre Probleme zu haben meinen.

Auf ihrer zweiten LP liefert das Quartett aus Philadelphia verteilt auf 13 Songs in etwas mehr als einer halben Stunde ein reines Hardcore-Punk-Album ab – mit all den Zutaten, die hierfür nötig erscheinen: nach vorne preschende Drums unterstützen die im Vordergrund stehenden und mit amtlich Gain versehenen Gitarren, gekonnt gesetzte Breaks widerstreben der Eintönigkeit, eine Unterbrechung der schnelleren Nummern durch eher groovende Midtempo-Stücke lässt keine Langeweile aufkommen und trotz der rotzig-kratzigen und an Jason Shevchuk (KID DYNAMITE, NONE MORE BLACK) erinnernden Stimme haben ONE WIN CHOICE auch ein Gespür für Melodie und Punk-Epik. Besonders gelungen sind hierbei „Who Threw Out The Itinerary?“, „Paint Me A Better World Frame“ und „Your Favorite Pictures“.

Wer also mit den genannten Bands etwas anfangen kann, sollte unbedingt ONE WIN CHOICE für sich entdecken, entweder auf Tour mit den Österreichern ASTPAI oder eben auf Konserve – und hier natürlich am besten auf Vinyl im Diecut Gatefold Cover inklusive DL-Code. Top!

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