Emil Bulls – Oceanic

Die Emils Bulls haben es sich – so ließt man – nicht leicht gemacht den Nachfolger von „Phoenix“ zu schreiben. Nach dem nervenaufreibenden Aufnahmeprozess bolzen sie sich den Erwartungsdruck mit „Oceanic“ einfach von der Seele. Das stimmt jedoch nur zur Hälfte. Denn das hier ist mehr als ein Schlag mit der Faust auf den Tisch.

„Oceanic“ schafft es in gut 50 Minuten das Spektrum vom poppigen bis zum moshigen Pol der Rockmusik abzudecken. Der wahre Verdienst ist dabei, dass es vom ersten bis zum 14. Song eindeutig die Emil Bulls sind. Zwischen „I Bow To You“ und „We Don’t Belive In Ifs“ liegen musikalisch Welten, auf „Oceanic“ folgen sie direkt hintereinander. Triefend schnulziger Midtempo-Pop am einen, brachialer Mosh-Speed-Metal am anderen Ende. Oder: Ein goldener Sandstrand mit Palmen und türkisen Buchten auf der einen, dunkle Unwetter mit meterhohen, lebensbedrohlichen Wellen, Strudeln und roher Naturgewalt auf der anderen Seite. Der Ocean hat viele Gesichter.

Man könnte ihnen vorwerfen, sie würden sich so alle Optionen offen halten. Doch das Motto „mindestens eine Hälfte gefällt jedem; entweder die harte, oder die weiche“ passt nicht in das Bild, was Konzerte der Band abgeben. Die Hallen sind voll, die Fans feiern jeden Song. Pop-Hymnen wie „The Sadest Man On Earth Is The Man Who Never Weeps“ werden ebenso lauthals mitgesungen wie stampfende Bretter à la „Epiphany“ mitgebrüllt werden. Dieses Spektrum ist seit über 16 Jahren ein Markenzeichen der „Bulls“ und wird mit „Oceanic“ auf den bisherigen Höhepunkt getrieben.

Leider ist die Achterbahnfahrt die größte Errungenschaft dieser Platte. Klar, die Riffs sind technisch nicht zu beanstanden, die Shouts erstklassig und die Gesangslinien eingängig und sauber. Trotzdem ist das Schema meist schnell durchschaut. Brachiale Riffs sind hier eben brachiale Riffs, pomös sind hier alle Refrains. Die Texte sind gewohnt dick aufgetragen und durch viele bunte Metaphern sehr schnulzig (Kostprobe: „Between The Devil And The Deep Blue Sea“) .

„Oceanic“ schließt mit „Dancing On The Moon“ auf einem Planeten, wo nichtmal klar ist, ob es das Element des Oceans überhaupt gibt. Ein guter Song zum durchatmen. Der Hörer kann sich weich betten und das Feuerwerk der vergangenen knappen Stunde verdauen. Mit dieser von Piano und Whoho-Chören getragenen Ballade steuert „Oceanic“ in einen 5 minütigen Regenschauer. Passend. Sicher eines der besten und vor allem vielseitigsten deutschen Hard-Rock Alben des Jahres.

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